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Ein Lebenskonzert des Scheiterns

Aktualisiert: 17. Jan. 2022


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Während ich anfange diese Zeilen zu schreiben, fühle ich ein Gefühl was mich etwa seit mein

em 7ten oder 8ten Lebensjahr begleitet. Immer wenn ich für mich einen kleinen Erfolg erreiche, schleicht sich ein Gefühl von Misserfolg einher. Ein Gefühl, dass alles Gute und bisher Erreichte entwertet und es ins kleine Licht drängt, den Wert entzieht und als Pillepalle hinstellt. Nur die großen Sprünge sind von Wertigkeit. Nur große Erfolge zählen, und darüber, was ein Erfolg ist, darüber entscheide nicht ich - um Gotteswillen, diese Macht sei ja niemals die Meine. Nein, was ein Erfolg und Misserfolg ist entscheiden immer die Anderen. In der Welt des Social Medias sind es dann die Herzchen, Likes und Follower. Die entscheiden, wer als Gewinner und wer als Verlierer aus diesem Rennen kommt.


Doch in meinem Fall ist es egal. Denn ich verliere gefühlt immer, auch wenn ich gewinne. Der Grund daran ist einfach. Es ist ein altes Schema, eine alte Grundüberzeugungen, die aufgrund einer Erfahrung des Scheiterns in der Kindheit begründet. Und die Quelle dieser Erfahrung scheint noch nicht versiegelt zu sein, sodass jeder Fortschritt, Entwicklungssprung, Erfolg und Gewinn mit dem Wasser dieser Quelle vermischt wird. Während ich diese Homepage einrichtete, hat mich das Gefühl oft begleitet und heute an dem Tag, wo die Homepage online gegangen ist und ich mich freuen sollte, schleicht sich erneut das vergiftete Wasser und macht sich breit. Eine Traurigkeit, ein Gefühl des Versagens und eine Resignation mit dem Gedanken "das bringt eh nichts" macht sich breit.


Also tat ich diesmal erneut das, was ich bei solchen plötzlich auftretenden Gefühlen und Stimmungszuständen öfters machte. Ich lege mich hin, nahm mir ein wenig Zeit für mich und sinnierte. Ich machte mich auf der Suche nach dem Ursprung für dieses Gefühl. Natürlich führte mich das Empfinden in meine Kindheit und da war es. Ein einziges Erlebnis, der doch die Macht über ich besitzt meine ganze Kraft und Können sekundenschnell in Frage zu stellen. Die Erkenntnis und der Zusammenhang folgten schnell und ich fragte mich, was ich jetzt mit diesen Informationen machen sollte, und da kam direkt der Gedanke, darüber hier zu schreiben. In diesem Blog, dafür ist er ja da. Also tue ich das - JETZT.


Die Quelle allen Übels hatte ihren Ursprung vor ca. 25 Jahren.


Schon heftig, wie lange ein einzelnes Ereignis einen Menschen in seinen Bann halten kann. Als kleines Mädchen lernte ich auf den Wunsch meiner musikalisch begabten Mutter Geige spielen. Eigentlich wollte ich immer Klavier lernen, doch das Schicksal hatte damals nur einen Platz für Geige, in der polnischen Musikschule. Oder das Schmiergeld war einfach nicht hoch genug für Klavier, denn das regierte damals die Welt. So musste ich Geige lernen. In der 2ten

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Klasse der Musikschule gab es das jährliche Klassenkonzert der Schüler für Lehrer und Eltern. Es war ein besonderes Ereignis, denn natürlich wurde es bewertet, es war quasi eine Abschlussprüfung. Die Herausforderung war folgende - man sollte ein ganzes Konzertstück auswendig lernen, ohne Noten spielen, mit Klavierbegleitung durch eine Lehrerin. Alle Eltern waren eingeladen und alle Lehrer der Klasse waren da. Ich erinnere mich, dass ich wie wahnsinnig übte und übte. Meine Mutter, die ein sehr scharfes Ohr für schiefe Töne hatte, sorgte dafür, dass ich ihre Perfektion erreichen sollte, was unmöglich war. Ihr könnt euch vorstellen, dass das Üben nicht immer mit Spaß verbunden war. Doch ich glaube, das gibt es schon lange nicht in der Welt der klassischen Musik. Spaß, freies Spiel und Inspiration. Man jagt dem Bild eines perfektionistischen Musikstücks. Wer Wahnsinn, Ehrgeiz und Perfektionismus sucht, wird in der Welt der klassischen Musik in meinen Augen fündig. Diese Erfahrung machte ich als Kind. Aber ich schweife vom Thema ab. Zurück zu mir. Ich übte also wochenlang, nach der Schule, vor der Schule, am Wochenende um dieses eine Stück auswendig und möglichst

perfekt ohne schiefe Töne zu spielen. Ich beherrschte das Stück. Ich habe es sicher nicht immer perfekt gespielt, doch ich konnte es auswendig. Ich kannte jede Note. Meine Mutter, die selbst das heimlich geliebte Klavier spielte, übte mit mir auch die Klavierbegleitung. Alles saß. Ich war sicher, dass ich das Konzert rocken würde. Ich wollte auch meine Mutter stolz machen, wo sie doch so viel Zeit in den Vorbereitungen investiert habe. Ich wollte glänzen vor den Augen meiner Mitschüler, Lehrer und Eltern. Ich wollte zeigen, dass ich etwas kann, Talent habe, keine Ahnung, der nächste Geiger Star bin? (wobei dafür mein Talent sicher nicht ausreichte). Ich habe so viel einstecken müssen, habe mich so sehr bemüht, es musste sich doch auszahlen. Und dann kam der Moment der Wahrheit. Die Show began und ich war dran. Meine Geigenlehrerin rief mich auf die kleine Bühne in unserem Tanzraum. Ich nahm meine Position ein, die Klavierbegleitung gab mir ihr Zeichen und dann folgte mein Einsatz und was passierte dann? Genau - NICHTS. Einfach NICHTS. Nicht ein Ton wurde von mir gespielt. Nicht eine Note. Komplett Ausfall. Auch als wir das zweite Mal ansetzten und ich einen kleinen Blick in die Noten der Klavierbegleitung huschen durfte, was einem Staatsverbrechen und dem kompletten Scheitern glich, wurde es nicht besser. Es kam einfach nichts. Wie aus dem Gedächtnis gelöscht. Wahrscheinlich kamen kurz zuvor die Men in Black und haben mich einfach geblitzt. All die Wochen harter Arbeit, schweren Übens, das Aushalten des mütterlichen Drills, waren UMSONST. Blackout. Als ob ich noch nie je eine Note von diesem Konzert gespielt, geschweige denn je gehört hätte. Es folgte eine peinliche Stille. Alle schauten mich an. Eltern, Lehrer, ich glaube meine Mutter hatte noch einen offenen Mund dabei. Kein Erwachsener, kein Möchtegernpädagoge kam um mir zu helfen. Keiner beendete diese Qual für mich. Nein, im Gegenteil, sie starten und schwiegen. Das war der Moment, wo die Sekunden sehr langsam vergehen. Irgendwann akzeptierte ich, dass das nichts mehr wird, wahrscheinlich wollte ich einfach nicht mehr noch eine Sekunde länger da stehen in diesem Zentrum der Aufmerksamkeit. Also sagte ich mit meinen 8 Jahren - "Ich glaube, ich habe einen Blackout, und ich habe alles vergessen". Ohne die Antwort der ach so gebildeten und kompetenten Erwachsenen abzuwarten, verließ ich diese Minibühne mit meiner Geige in der Hand und nahm Platz neben meiner vor Schock erstarrten Mutter. Ich wagte mich hochzuschauen und suchte ihren Blick in der Hoffnung sowas wie eine Erlösung meiner Scham in ihren Augen zu finden. Doch sie habe wohl auch nicht mit dem Ausgang dieses Tages so gerechnet, denn sie starte nur nach vorn. Unglaubwürdig. Schockiert, ja, entrüstet. Niemand kam zu mir um mir aus meiner Notlage zu helfen. Nicht mal meine Geigenlehrerin. Selbstverständlich würde es heißen, dass ich durchgefallen sei, doch ob das dann wirklich so war, daran kann ich mich nicht erinnern. Doch ich kann mich an die Fahrt nach Hause erinnern, in der kein Wort gesprochen wurde. Auch als mein Vater fragte, wie es war, gab es nicht viel Antwort von meiner Mutter. Ich spürte nur ihre Enttäuschung, die muss sie bis ins Knochenmarkt erschüttert haben. Was noch folgte an diesem Tag, war ein kurzer Abend, denn ich ging dann schnell alleine in mein Bett in der Hoffnung, der Tag möge nun zu Ende gehen. Denn ich verstand einfach mit meinen 8 Jahren nicht was da heute passierte, ich kannte mich so nicht, ich wusste nicht, was passiert war. Die einzige Erklärung, die ich dann finden konnte, war - du kannst einfach nichts. Du bist nicht gut. Egal, wie du dich anstrengst, es bringt nichts. Du bist gescheitert. Ich began mir also zu misstrauen. Meinen Fähigkeiten, aber vor allem meinem GLAUBEN an die eigenen Fähigkeiten. Und so schlief ich ein, alleine und einsam mit meiner Überforderung, Traurigkeit und zwei neuen Lebensbegleitern, den Zweifler und den Gescheiterten voller Scham. Begleiter, die mich bis heute begleiten, doch nun ihre Zeit dem Ende sich neigt. Bis heute wurde über diesen Tag nicht gesprochen. Nicht durch mich, nicht durch meine Mutter.

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Die Geige wurde auch paar Jahre später durch den Umzug nach Deutschland eliminiert. Ihr könnt euch vorstellen mit welcher Freude..schade. Am nächsten Tag ging ich heimlich in die Küche, als ich alleine war, und niemand zu Hause, und ich spielte das erste und letzte Mal in meinem Leben dieses Konzert. Ich beherrschte es, Ich konnte es. Doch es wurde von niemanden außer mir gehört. Ich hatte keine Zeugen, dass ich es konnte.. mein Pech. Denn so war es für mich als Kind einfach nicht existent, denn damals entschieden ja nur die Erwachsenen, ob ein Kind was kann oder nicht..



Doch die wichtigste Frage ist nun, wie soll es weiter gehen? Durch meinen Beruf lernte ich die Macht der Imagination kennen, dadurch kann man vieles wenn nicht alles reparieren.



Also hier ist meine Korrektur.


In meiner Korrektur fragte ich mich, was das kleine Mädchen in der Situation gebraucht hätte. Zuerst erkannte ich als Erwachsene und Mama, dass an diesem Tag alle gescheitert und versagt haben, nur das kleine Mädchen - Ich, nicht. Meine Erfahrung zeigte das Scheitern des pädagogischen Systems zu dieser Zeit, aber auch des elterlichen, wo Leistungsdruck höher gestellt wurde als die Bedürfnisse und das Wohl des Kindes. Aus der heutigen Perspektive sehe ich eine kleine Gewinnerin dort drüben auf der Bühne stehen, die tapfer den falschen Werten und Leistungsansprüchen der Erwachsenen und ihrer Mutter trotzt. Und die Bühne mit einem erhobenen Haupt verlässt, als Einzige konnte sie in die Augen der anderer schauen.


Doch was braucht das Mädchen heute um wieder in ihren Glauben an ihr Können zurück zukehren, sie braucht eine Gegenerfahrung, auf der Eben der Imagination. Eine Korrektur.


In dieser Erfahrung passiert folgendes - Als das kleine Mädchen ihren Blackout bekommt und nicht weiter kann, steht ihre Mutter aus der Mitte auf und klatsch und applaudiert, ruft ihr Mut und Stärke zu, dass sie stolz auf sie sei. Das kleine Mädchen reagiert direkt mit einem Lächeln, denn sie ist nicht mehr alleine. Ihre Mutter sieht sie und passt auf sie auf. Sie spürt die Verbindung und dass nichts die Mutter enttäuschen kann. Die Mutter geht auf sie zu und fragt das kleine Mädchen ob sie mit Noten spielen möchte und es nochmal versuchen möchte. Doch das kleine Mädchen will es nicht mehr, sie hat genug. In diesem Fall schnappt sich die Mutter die Hand des Mädchens und sie verlassen den Saal. Auf die Fragen der Geigenlehrerin, dass das Konzert noch nicht vorbei sei, kontert die Mutter bestimmt zurück, für sie schon, sie wolle eh heute Spaß mit ihrer Tochter erleben als den ganzen Tag bei schönem Wetter drinnen zu hocken. Die Mutter verlässt mit ihrer Tochter Händchen haltend die Musikschule und sie machen sich auf den Weg in den Park, mit einem Eis bewaffnet, mit dem Ziel Enten zu füttern und bunte Blätter zu sammeln. Sie haben Spaß und lachen und rennen, fangen Schmetterlinge und spielen verstecken. Zwischendurch ruft die Mutter den Vater an, und sagt ihm, er solle zu der Lieblingspizzeria kommen mit dem Bruder, heute wird gefeiert. Die Familie trifft sich vor Ort und gemeinsam an ihrem Stammplatz verschlingt das kleine Mädchen ihre Lieblingspizza Margaretha. Der Vater fragt, wie das Konzert gewesen sei, daraufhin erzählt die Mutter kurz was passiert sei. Der Vater sieht, dass das kleine Mädchen sich nun unwohl fühlt. Er berührt sie tröstend an ihrer Schulter und sagt: "Mach dir nichts draus. Jeder große Künstler began seinen Weg mit dem Scheitern. Denn nur wer erst scheitern kann, kann erst gewinnen." Das kleine Mädchen war schlagartig beeindruckt von der Weisheit dieser Worte und verstand den Sinn. Ihr Vater fragte sie jedoch, ob sie nicht jetzt das Konzert spielen wolle, aus Spaß, weil er sich das nicht vorstellen könne, dass sie alles vergessen haben solle. Das kleine Mädchen hat Angst, doch sie traut sich, sie nimmt ihre Geige, steht auf, schließt ihre Augen und spielt. Sie spielt und spielt, perfekt, ohne einen tiefen Ton. Frei und losgelöst, mit Hingabe. Sie vergisst die Welt um sich und ist eins mit ihrer Geige und der Musik. Sie bemerkt nicht mal, dass der Saal um sie ruhig wurde und alle Gäste ihrem ganz persönlichen Konzert lauschten. Und als sie fertig wurde und die Augen öffnete, sah sie nur strahlende Gesichter und hörte ballenden Applaus. Die Gäste standen auf und der Kellner holte sogar einen Schokokuchen als Danke schön, für dieses wundervolle spontane Konzert. Das kleine Mädchen glaubte nicht was geschah, so habe sie das beste Konzert in ihrem Leben gespielt und noch Schokokuchen geschenkt bekommen vom lieben Gott. So ging sie mit ihrer Familie glücklich und gelassen nach Hause. Ihre Eltern brachten sie ins Bett und sie spürte noch lange die Gutenachtküsse auf ihrer Haut, und die Liebe und Wärme, die sie hinterließen. Und sie schlief ein mit dem Gedanken - Danke, Gott für diesen wundervollen Tag und dass ich heute gescheitert bin um zu gewinnen. Denn ich kann es doch, wenn ich bin, wie ich bin, wenn ich frei bin. Ich kann glauben - an mich."


Und was die Korrektur hinterließ war ein Gefühl der Sicherheit, des Geborgenseins, des Glaubens an sich und die Mitmenschen und die Überzeugung, dass Misserfolge auch Erfolge sind, die gefeiert werden möchten, mit Musik und Schokokuchen.


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